Willkommen im

Sayn Space!

Sayn Space ist in allererster Linie ein Experiment. Als Sozialpsychologin habe ich in den vergangenen 10 Jahren erforscht, wie unsere ‘kulturelle Logik’ (also das, was wir für sowohl selbstverständlich als auch erstrebenswert erachten) unser Selbstverständnis prägt, und unseren Umgang mit Schwierigkeiten, Schmerz und Leid. An die Uni zurückgekehrt war ich 2015 nach sechs Jahren Musikerdasein und dem Erreichen des Viertelfinales von The Voice of Germany aufgrund eines Bauchgefühls. Es bestand vor allem in einem wachsenden Unbehagen angesichts dessen, was man/frau als KünstlerIn heutzutage so draufhaben muss. Im Grunde vor allem Selbstvermarktungs-Skills. Mit meinem bis dato gelebten Selbstverständnis als singer/songwriter hatte das so gar nichts zu tun. Hart arbeiten, Selbstdisziplin, viel Schweiss und Tränen in die kreative Arbeit stecken – kein Problem. Aber mich ‘branden’, eine Marke aus mir und zu bewerbende ‘Produkte’ bzw. Waren aus meinen Songs machen? «So läuft das nun mal heute - get over it!», rieten mir KollegInnen. Aha… In meiner wissenschaftlichen Arbeit bestätigte sich mir dann dieser erste, zunächst noch wenig artikulierbare Eindruck: Wer erfolgreich sein, nein, falsch, wer überhaupt ‘mitspielen’ will, tut besser daran, sich selbst als Unternehmen zu betrachten, das es gilt, am Markt (z.B. am Arbeitsmarkt, aber natürlich auch auf den sozialen Medien und selbst in den intimsten Beziehungen) bestmöglich zu platzieren. Dazu sollte der eigene Marktwert stetig gesteigert werden, durch gezielte ‘Investionen’, beispielsweise in die eigenen soft skills; positives Denken, Flexibilität und Resilienz wären besonders gefragt. Alles psychische Qualitäten also, die man/frau kultivieren muss. Selbstoptimierung lautet das neue Zauberwort. Gepaart mit einer haarsträubenden Individualisierung – es sind eigentlich immer entweder die Biologie oder das falsche ‘Mindset’ schuld – und einer sich überall einnistenden Beschleunigungstendenz ergibt sich daraus ein äußerst giftiger Cocktail. Den wir dennoch scheinbar widerstandslos tagtäglich in uns reinkippen! Und so kann jedes gesellschaftlich-strukturelle Problem als ganz persönliches Versagen erlebt werden, von der immer wieder versprochenen größeren Teilhabe («ich hätte es eben doch selbstbewusster einfordern müssen») bis hin zur von manchen Gruppen überproportional geleisteten Care-Arbeit («haben sie sich doch selbst ausgesucht!»). Willkommen in unserer ‘schönen neuen Welt.’ Was als Bauchgefühl angefangen hatte, wurde so im Laufe der Zeit zur Überzeugung, nämlich der, dass genau diese kulturelle Logik erheblich dazu beiträgt, dass wir gerade weltweit eine ‘mental health crisis’ erleben. So richtig in der Öffentlichkeit angekommen ist dieser für mich inzwischen offensichtliche Zusammenhang trotzdem nicht. Und selbst wenn er medial thematisiert wird – wie man das Problem kollektiv und systematisch angehen kann, statt nur wieder auf der individuellen Ebene zu verbleiben (beliebte Buzzwords hier: Achtsamkeit, ‘digital detox’, Entschleunigung), wird kaum diskutiert. Sollte es aber.

Das, was man auch als unseren ‘cultural common sense’ bezeichnen könnte, beschränkt sich natürlich nicht nur darauf, wie wir mit uns selbst umgehen, sondern auch mit der natürlichen und sozialen Umwelt. Dass er in mehr und mehr gesellschaftlichen Bereichen schlicht nicht mehr funktioniert - angefangen bei unserem Umgang mit der Klimakrise und der wachsenden sozialen Ungleichheit bis hin zu politischen Modellen und Bildungssystemen, die den gegenwärtigen Weltbedingungen nicht mehr angemessen sind - beschreiben und erforschen zahlreiche SozialwissenschaftlerInnen bereits seit Jahren. Im Handeln hinken wir jedoch hinterher.

Worin besteht also mein Experiment? Wie ihr den vorangegangenen Zeilen entkommen konntet, bin ich sowohl Künstlerin als auch Wissenschaftlerin. Zudem gebe ich zum Thema ‘soziokulturelle Dimension psychischen Befindens’ seit Jahren Lehrveranstaltungen, Workshops und Seminare. Lange Zeit habe ich damit gehadert, mich nicht auf eine berufliche Identität festlegen zu können. Es erschien mir ‘unprofessionell’, unreif, als steckte ich in einem Entscheidungsproblem fest: sollte ich mich auf Musik, Forschung oder im weitesten Sinne auf die Arbeit ‘mit Menschen’ konzentrieren? Inzwischen sehe ich dieses Dilemma als einen weiteren Auswuchs besagter kultureller Logik. Schließlich besticht ein guter ‘personal brand’ vor allem durch eins – Konsistenz und Vorhersehbarkeit. Anders ausgedrückt: das damit verbundene Produkt lässt sich prima in eine Schublade stecken. Die Weigerung, mich festzulegen, und die Entscheidung, mit Sayn Space alle drei Bereiche zusammenzuführen, entziehen sich ganz bewusst diesem Zwang zur Simplifizierung und Kategorisierbarkeit.

Natürlich kann es gut sein, dass unsere Aufmerksamkeitsökonomie mich dementsprechend abstraft. Aber darauf will ich es ankommen lassen. Indem ich mich als Singer-Songwriterin Sayn vor allem auf eins konzentriere: die Musik. In meinen Songs setze ich mich oftmals damit auseinander, welche individuellen und auch relationalen Zerwürfnisse unsere kukturelle Logik hervorbringt. Nicht aus programmatischen Gründen, sondern einfach weil ich in meinem eigenen Alltag ständig - ich möchte fast sagen, gewaltsam - darauf gestoßen werde. Als Psychologin biete ich euch keine ‘5 Schritte zum besseren Selbstbewusstsein’ oder ‘garantierte Erfolgsstrategien für mentale Resilienz’ an, sondern beleuchte im Podcast In-Sayn, wie Gesellschaft und Psyche miteinander verschränkt sind. Denn: Wissen ist immer noch Macht – und eröffnet uns neue Handlungsoptionen. Und indem ich euch einlade, mit mir das Game of Sayn oder Saynsspiel zu spielen (stellt euch eine Mischung aus immersivem Theater und ‘personal development’ Workshop vor), um neue psychische und kulturelle Praktiken zu entwickeln (das eine bedingt nämlich das andere und umgekehrt). Diese drei nur auf den ersten Blick separaten, tatsächlich jedoch eng verflochtenen Stränge meines kreativen Schaffens erlauben es mir, mich mal poetisch-musisch, mal wissenschaftlich-analytisch und mal praktisch-gemeinschaftlich mit meinem und unserem In-der-Welt-Sein auseinanderzusetzen und zu erkunden, wie es anders gehen könnte. Sayn fungiert hierbei als mein künstlerisches Alter Ego und steht gleichzeitig für all das, was gemeinhin zu kurz kommt: Resonanz, Sinnhaftigkeit und Verbundenheit erleben, Gemeinschaft, echter Dialog. Mein Experiment besteht jedoch nicht nur darin, auf Sayn Space über meine künstlerische, wissenschaftliche und im engeren Sinne psychologische Arbeit auszuprobieren, wie wir eine andere kulturelle Logik leben können.

Sayn Space ist auch ein formales bzw. organisatorisches Experiment. Statt hier Audio-Downloads, Konzerttickets oder Podcast-Abos zum Verkauf anzubieten, lade ich euch dazu ein, mich mit einem monatlichen Beitrag zu unterstützen; wie klein oder groß dieser ausfallen soll, ist euch überlassen. Denn: Miete zahlen und Klamotten für die Kinder kaufen, muss ich auch. Warum dieses Format? Erstens weil nur ein längerfristiges Commitment eurerseits mich aus der Prekaritätsfalle herausholen kann, aus der Gig Economy. (Und wer sich empirisch mit dem Thema Kreativität beschäftigt, wird schnell feststellen, dass diese entgegen der herkömmlichen Meinung viel Stabilität und Routine braucht, um zu gedeihen.) Sprich: Je mehr Unterstützung ich von euch bekomme, desto mehr meiner Zeit kann ich tatsächlich in die kreative Arbeit stecken, statt irgendwelchen Brotjobs nachgehen zu müssen. Und zweitens weil ich mit Sayn Space eine Community aufbauen möchte, einen Raum der Möglichkeiten. Vielleicht bin ich hoffnungslos romantisch und naiv, aber wäre es nicht fantastisch, wenn sich zwei, drei oder gar zehn von euch bei einem Sayn Space Event fänden und zusammenschlössen, um eine eigene Idee zu verwirklichen? Etwas, dass den problematischen Aspekten unserer kulturellen Logik etwas entgegensetzen kann, wenn auch (erst einmal) nur in kleinem Rahmen. Ein Kunstfestival vielleicht oder ein neues Co-Working Konzept oder ein Forschungsprojekt oder …? Und drittens weil ich glaube, dass es falsch ist, dass immer mehr Lebensbereiche der kapitalistischen Wettbewerbslogik unterworfen werden. Wir erzeugen dadurch allerhand Monster - psychische, soziale, kulturelle, politische. Deshalb brauchen wir dringend alternative Modelle. Sayn Space ist so eines. Sicher kein perfektes - wenn ihr Ideen habt, wie man es verbessern könnte, immer her damit! - aber eines, das über bloße Theorie hinausgeht, eines mit dem Erfahrungen gesammelt und daraus gelernt werden kann. Und das ist nicht wenig, finde ich.